Laila Shawa „Schule des Sehens“
Der Titel der ersten Präsentation von Laila Shawas Kunst in Österreich bezieht sich auf die legendäre Sommerakademie, die von Oskar Kokoschka in Salzburg gegründet wurde. Für die palästinensische Künstlerin, die die Schule von 1960 bis 1963 besuchte, war Kokoschkas Einfluss prägend. Sein humanistischer Ansatz in der Kunstausbildung, entwickelt in der Folge des Zweiten Weltkriegs, war ein Fundament für ihre spätere Praxis als Künstlerin und Pädagogin. Bezugnehmend auf diese Erfahrung nimmt diese Ausstellung Salzburg nicht als Ziel, sondern als Ausgangspunkt: ein Moment in Shawas transnationaler Laufbahn, die sich über Gaza, Rom, Kairo und London erstreckte.
Anstatt eine lineare historische Erzählung zu verfolgen, bilden die im Studio gezeigten Werke eine Art Kapsel, die Einblicke in unterschiedliche geografische Räume gewährt, welche sich in einer einzigartigen transkulturelle Bildsprache vereinen. In Shawas Arbeiten trifft islamische Ornamentik auf westliche Pop-Art; byzantinische Kalligrafie steht neben Graffiti-Tags. Dieser unverwechselbare künstlerische Stil, mitunter als „Islamo-Pop“ bezeichnet, ist nicht im versöhnlichen, sondern im kritischen Sinne hybrid: Er eignet sich überlieferte Formen aus verschiedenen Kulturen bewusst an, um Machtstrukturen sichtbar zu machen, die über Grenzen hinweg wirken. Auf diese Weise erweitert und hinterfragt Shawas Praxis den Kanon der globalen zeitgenössischen Kunst.
Shawas Praxis ist alles andere als medienspezifisch, sie umfasst Malerei, Skulptur, Installation und Zeichnung. Dennoch ist es die Druckgrafik in ihrem Werk, die sowohl als symbolisches als auch als funktionales Werkzeug dient: ein Mittel zur Vervielfältigung von Bildern, zur Verstärkung von Botschaften und zum Widerstand gegen den singulären, elitären Status, der Kunst oft zugeschrieben wird. Historisch gesehen spielte die Druckgrafik eine entscheidende Rolle bei der Demokratisierung der Kunst und der Verbreitung von Gesellschaftskritik – am bekanntesten ist das Werk von Satirikern des 19. Jahrhunderts wie Honoré Daumier, dessen Lithografien die Monarchie und das Bürgertum schonungslos karikierten, in einer Zeit, als visuelle Bilder allmählich über ein elitäres Publikum hinaus in Umlauf kamen. In dieser Tradition steht auch Shawas Werk, insbesondere die Lithografieserie Walls of Gaza, die sie in den 1990er Jahren begann. Die Arbeiten entstehen in der Tradition der sozial engagierten Druckgrafik, die auch von Oskar Kokoschka gefördert wurde, und sind Mittel der kollektiven Zeugenschaft und des öffentlichen Engagements. Indem sich Shawa Wiederholung und Zugänglichkeit zunutze machte, um bestehende Machtstrukturen in Frage zu stellen, war Druckgrafik für sie nicht nur ein Medium, sondern auch eine Methode zur Auseinandersetzung mit visueller Kultur.
Während ihrer gesamten Laufbahn setzte sich Shawa kritisch mit Systemen der Gewalt auseinander, seien sie patriarchalisch, kolonial, militärisch oder religiös, und verwandelte sie in emotional aufgeladene, aber oft spielerische visuelle Formen. Sie verstand die Kommerzialisierung des menschlichen Körpers, insbesondere des weiblichen, als ein zentrales Machtinstrument: sei es durch religiöse Kontrolle, kulturelle Rollen, politische Propaganda oder die globale Medienmaschine. Ihr Werk macht deutlich, dass der Blick niemals neutral ist, sondern immer dazu beiträgt, das Gesehene und Ungesehene zu gestalten. Shawa, die selbst eine Brustkrebserkrankung überlebt hat, erinnerte sich einmal: „Während meiner Strahlentherapie sah ich im Fernsehen die präzisen Bombardierungen Bagdads durch US-Flugzeuge, diese beiden Ereignisse sind für immer in meinem Kopf und meiner Kunst miteinander verbunden.“ Für sie waren der weibliche Körper einer Frau und der Körper eines Land untrennbar miteinander verbunden: verletzt, vernarbt und politisiert. In Disposable Bodies (2011-2013) werden kopflose weibliche Schaufensterpuppen in beunruhigende Skulpturen verwandelt, die die mediale Darstellung von Selbstmordattentäterinnen thematisieren. Die Serie legt offen, wie Frauenkörper zugleich zu Ikonen des Märtyrertums stilisiert und zu Objekten der Begierde gemacht werden – ausgelöscht und gleichzeitig sensationell inszeniert. Andere Werke verweisen auf die Kritik an der Selbstbrutalisierung. In einer Serie mit dem Titel Trapped werden Standbilder einer schreienden Person aus Überwachungskameramaterial hinter ein Netz aus Kalligrafie gelegt. Die Schrift verdichtet sich zunehmend, bis sie unlesbar und unverständlich wird – ein Kommentar auf das Fehllesen oder Missverstehen von Religion und Ideologie.
Shawas lebenslanges Engagement für Menschenrechte, Frauenemanzipation, die Freiheit Palästinas und kulturellen Widerstand reichte weit über das Atelier hinaus. Ihre Biografie drehte sich nicht nur um das Schaffen von Kunst, sondern auch darum, anderen den Zugang dazu zu ermöglichen. Nach ihrer Rückkehr aus Europa im Jahr 1964 begann sie als Pädagogin in Gaza zu arbeiten und trug später maßgeblich zum Aufbau der kulturellen Infrastruktur vor Ort bei. Auf die Frage eines Journalisten, auf welche Errungenschaft sie am meisten stolz sei, antwortete Shawa: „Es ist kein Gemälde, sondern ein Gebäude, das ich in Gaza mit entworfen und gebaut habe. Es hat zwölf Jahre meines Lebens, das meines Vaters und das meines Ex-Mannes gekostet, um in Gaza ein Kulturzentrum zu bauen, das den Namen meines Vaters trägt.“ Gemeint war das Rashad Shawa International Cultural Centre. Finanziert von der Benevolent Society for the Gaza Strip, wurde das Zentrum 1988 als Ort für kulturellen Austausch, Veranstaltungen und Aufführungen eröffnet. Im großen Foyer und in der Bibliothek befanden sich vier von Shawa selbst entworfene Buntglasfenster. Das Gebäude erfüllte über die Jahre vielfältige soziale und künstlerische Funktionen. Im November 2023 wurde es durch israelische Kampfflugzeuge zerstört.
Shawas Kunst, die aus der sozial engagierten Tradition der Druckgrafik und der verführerischen Unmittelbarkeit der Pop-Art entsteht, vermittelt subversive politische Botschaften, spricht aber auch mit Schönheit und Humor die Komplexität unserer Epoche an. Vom Studium in Salzburg bei Oskar Kokoschka und in Rom bei dem sozial engagierten Renato Guttuso bis hin zur Integration traditioneller islamischer Geometrie, persischer Miniaturen und byzantinischer Ikonen mit den Idiomen der Pop-Art schuf Shawa eine polyphone visuelle Sprache. Ihre Werke sind verführerisch, kritisch und voller Empörung; sie weisen auf Ungerechtigkeit und Heuchelei hin. Shawas Kunst war stets mit öffentlichem Engagement verknüpft. Doch, wie sie selbst betonte, endet die Verantwortung der Künstlerin mit dem Verlassen des Ateliers: „Das Werk führt ein Eigenleben, und wie es wahrgenommen wird, hängt mehr von der inneren Verfasstheit des Betrachters ab als von der Intention der Schöpferin.“ Die Schule des Sehens ist stets auch an die Verantwortung der Sehenden geknüpft.
KURATIERT VON Jakob Gawkowski.
ERÖFFNUNG: 25.07.2025, 20:00 Uhr
19:00 Uhr Künstler:innengespräch poptimism
Esben Weile Kjær, Jakub Gawkowski und Mirela Baciak im Gespräch mit Greta Rainbow (Writer-in-Residence SKV x Spike) in Kollaboration mit der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg.
22:00 Uhr - 00:30 Uhr DJ Set & Dancefloor Session mit Seba Kayan
Laila Shawa Schule des Sehens wird von einer Reihe von Workshops begleitet, die darauf abzielen, eine differenzierte Form des Sehens zu fördern – jenseits eingeübter Wahrnehmungen und dominanter Lesarten.
In Zusammenarbeit mit TRAFO Trafostacja Sztuki Szczecin, wo die Ausstellung im Herbst 2025 präsentiert wird.
Laila Shawa (*1940, Gaza – ✝2022, London) erhielt ihre erste formale Ausbildung am Leonardo-da-Vinci-Kunstinstitut in Kairo in den Jahren 1957–58. Von 1958 bis 1964 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste in Rom und verbrachte die Sommer an Oskar Kokoschkas Schule des Sehens in Salzburg. Nach Abschluss ihres Studiums kehrte Shawa nach Gaza zurück, um für das Hilfswerk der Vereinten Nationen den Kunst- und Handwerksunterricht in den Flüchtlingslagern zu leiten. Gleichzeitig absolvierte sie eine informelle Lehre bei dem UN-Kriegsfotografen Hrant Nakasian. 1967 zog sie nach Beirut, wo sie neun Jahre lang als hauptberufliche Malerin lebte. Mit dem Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs siedelte sie nach London über. In der darauffolgenden Dekade verbrachte sie den Großteil ihrer Zeit in Gaza, wo sie an Entwurf und Bau des Rashad Shawa Cultural Center mitwirkte. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2022 lebte sie in London, wo sie weiterhin aktiv künstlerisch tätig war.
Bild: Laila Shawa, Can We?, 2011, Giclée-Druck und Acryl auf Leinwand, 120,5 x 120,5 cm. Courtesy of the Laila Shawa Estate.


























