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Eröffnung: Fr, 24.07.2026 | 20 Uhr
Großer Saal
25.07.2026 - 20.09.2026

Ryan Gander. One Hundred Things Twice

Ist es nicht offensichtlich, sobald man diese Ausstellung betritt? Sie sind der/die Besucher:in, dies ist der Ausstellungsraum, und die Dinge, die Sie sehen, sind Kunstwerke. Es gibt klar voneinander getrennte Einheiten: Sie, den Raum und die Objekte darin. Aber sind sie wirklich voneinander getrennt?

Ryan Ganders One Hundred Things Twice präsentiert sich als Bestandsaufnahme möglicher Wirklichkeiten: Dinge, die sich immer wieder neu denken lassen. Entwickelt für das Jahresprogramm CAPTCHA Realism des Salzburger Kunstvereins, entfaltet sich die Ausstellung durch Paare, Echos, beinahe Übereinstimmungen und feine Verschiebungen.

Die klassische Logik lehrt uns, dass alles entweder ist oder nicht ist.[1] Ein Körper ist entweder hier oder dort. Eine Aussage ist entweder wahr oder falsch. Doch Ryan Ganders Praxis widmet sich seit Langem genau jenen Momenten, in denen diese Gewissheit ins Wanken gerät. Seine Werke spielen oft mit dem kurzen Moment, bevor sich eine Bedeutung festigt. Sie fragen danach, was geschieht, wenn sich ein Ding nicht in einer einzigen Beschreibung erschöpfen lässt.

In der Quantentheorie kann ein Objekt theoretisch in mehreren Zuständen zugleich existieren.[2] Etwas Ähnliches geschieht in One Hundred Things Twice. Ein Ding, das zweimal vorhanden ist, ist keine Kopie. Es kann ein Echo sein, ein Nachbild, eine Vorder- und Rückseite, ein Links und ein Rechts, ein Anfang und ein Ende. Das eine ist geschehen; das andere beinahe. Ein Ding steht vor einem; eine andere Version davon beginnt sich in der Erinnerung zu formen. So ist die Ausstellung weniger eine Sammlung stabiler Dinge als vielmehr ein Gefüge von Beziehungen zwischen ihnen.

Der Titel der Ausstellung suggeriert eine Aufzählung, vielleicht sogar die Logik einer Datenbank: hundert Dinge, geordnet und gezählt. Aber hundert Dinge sind nie einfach nur hundert Dinge. Jedes Objekt steht in Beziehung zu allen anderen; Bedeutung gehört weder dem Objekt, noch dem Künstler, noch den Betrachter:innen. Sie zirkuliert zwischen ihnen. Sie verhält sich wie ein Gast, der zum Gastgeber wird, oder wie ein Gastgeber, der sich plötzlich nicht mehr ganz zu Hause fühlt.

Was wäre, wenn es keine Substantive gäbe? Was wäre, wenn die Dinge nicht von vornherein als abgegrenzte Einheiten existierten, sondern von Anfang an durch Beziehungen entstehen würden? Ganders Ausstellung scheint genau diese Frage zu stellen. Ein Werk ist nicht bloß ein im Raum platziertes Objekt. Es ist die Zeit, die man braucht, um es wahrzunehmen, die Erwartung, die es unterbricht, das Verhalten, das es hervorruft, die anderen Werke, an die es erinnert, der Weg, den man auf es zu und von ihm weg geht.

Es gibt keinen göttlichen Standpunkt, von dem aus alles auf einmal sichtbar ist. Und vielleicht wird Ganders Ausstellung genau hier auf unerwartete Weise egalitär. Wenn jedes Ding die Möglichkeit eines anderen Dings in sich trägt, wenn jede Welt von einer anderen Welt begleitet wird – jener, die ebenso hätte entstehen können –, dann kann keine einzelne Wirklichkeit absolute Autorität über die anderen beanspruchen.

Ist es also klar? Sie sind der/die Besucher:in, dies ist der Ausstellungsraum, und die Dinge, die Sie sehen, sind Kunstwerke – und jedes wird durch die anderen verändert.

Was für ein seltsames Gefühl: diese Verbindung, die nicht an den Raum gebunden ist, dieses Gefühl, gleichzeitig an zwei – oder mehreren – Orten zu sein. Ich könnte schwören, dass ich schon einmal hier gewesen bin.

Text von Mirela Baciak. 

[1] Die klassische Logik lässt nur exakte Schlussfolgerungen zu. Sie geht davon aus, dass stets vollkommenes Wissen existiert und das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten immer anwendbar ist. Das Gesetz vom ausgeschlossenen Dritten lässt sich durch die Aussageformel p V ¬p ausdrücken. Es bedeutet, dass „alles entweder ist oder nicht ist“. Jede Logik, die dem Gesetz des ausgeschlossenen Dritten folgt, kann keine Wahrheitsgrade verarbeiten.

[2] In der Quantentheorie kann sich ein Objekt aufgrund des wellenartigen Charakters mikroskopischer Teilchen technisch gesehen an mehr als einem Ort gleichzeitig befinden. Ein solcher Quantenzustand wird als Superposition bezeichnet. Dort, wo die Schwerkraft wirkt, lassen sich Superpositionen niemals direkt beobachten – wir können lediglich die Folgen ihrer Existenz wahrnehmen, nachdem sich einzelne Wellen einer Superposition gegenseitig überlagert haben. Daher können wir ein Atom niemals in seinem unbestimmten Zustand oder an zwei Orten zugleich beobachten, sondern nur die daraus resultierenden Folgen. Die physikalische Realität ist erst dann bestimmt, wenn der Messvorgang stattfindet und die Situation in den einen oder anderen Zustand „verfestigt“.

Ryan Gander (*1976, Chester, GB) hat sich international einen Namen gemacht mit einem Werk, das sich in vielfältigen Formen materialisiert – von Skulptur, Kleidung und Texten bis hin zu Architektur, Malerei, Schriftarten, Publikationen und Performance. Neben seiner Tätigkeit als Kurator ist er ein engagierter Pädagoge: Er lehrte an internationalen Kunstinstitutionen und Universitäten und schrieb sowie moderierte Fernsehsendungen über zeitgenössische Kunst und Kultur für die BBC. Ausgehend von assoziativen Denkprozessen, die das Alltägliche mit dem Esoterischen, das Übersehene mit dem Gewöhnlichen verbinden, befragt Gander in seiner Arbeit Sprache und Wissen und erfindet zugleich die Erscheinungsweisen und Produktionsformen des Kunstwerks neu. Seine Werke erinnern oft an Rätsel oder an Netzwerke mit vielfachen Verknüpfungen und Fragmenten einer eingebetteten Erzählung. Letztlich bilden sie ein weit verzweigtes System verborgener Hinweise, die es zu entschlüsseln gilt, und laden die Betrachter:innen dazu ein, eigene Assoziationen herzustellen und individuelle Narrative zu entwickeln, um die vom Künstler inszenierten Komplexitäten zu entfalten.

Ryan Gander lebt und arbeitet in Suffolk. Er studierte an der Manchester Metropolitan University (UK), der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam (NL) sowie an der Jan van Eyck Akademie in Maastricht (NL). Er war Professor für Bildende Kunst an den Universitäten Huddersfield und Suffolk und ist Ehrendoktor der Manchester Metropolitan University sowie der University of Suffolk. 2017 wurde er für seine Verdienste um die zeitgenössische Kunst mit dem Order of the British Empire (OBE) ausgezeichnet. 2019 erhielt er das Hodder Fellowship an der Princeton University. 2022 wurde er als Mitglied der Royal Academy (RA) in der Kategorie Skulptur aufgenommen.

Kuratiert von Mirela Baciak.

In Auftrag gegeben und produziert vom Salzburger Kunstverein.

Mit freundlicher Unterstützung von Kunsttrans.

Bild: Ryan Gander, Chronos Kairos, 12.35, 2024, Aluminium, Acryl, LEDs , 74.5 x 27 x 15 cm, courtesy of the artist and Lisson Gallery. Foto: George Darrell.