Kateryna Lysovenko. Creation, Catastrophe, Creation, Again and Again
Lysovenko’s malerische Intervention in der Ringgalerie des Salzburger Kunstvereins entfaltet sich als Loop. Realismus ist immer schon unwirklich (so betont sie); er existiert nur als Versuch, das zu zeigen, was das Leben strukturiert, aber nicht unmittelbar sichtbar ist: die Kräfte, die das Menschliche hervorbringen und wieder zerstören; die Diskurse, die bestimmen, wer als Körper zählt, wer zu einem Zuhause gehört und wer es verdient zu leben.
Für diesen ortsspezifischen Auftrag dient die kreisförmige Architektur der Ringgalerie als konzeptuelles und formales Gerüst der Arbeit. Der Raum lässt sich wie ein Darm oder eine Verdauungskammer lesen. Am Anfang treiben Zellen über die Oberfläche: Blutzellen, Organellen, Fragmente des Lebens vor jeder Identität. Für Lysovenko geht diese zelluläre Ebene der Frage nach Staatsbürgerschaft, Zugehörigkeit oder Anerkennung voraus. Aus dem zellulären Feld entsteht der Mensch, doch das Entstehen des Menschen fällt mit dem Entstehen von Begehren zusammen (untrennbar verbunden mit der Libido, der Energie, die sowohl Vorstellungskraft als auch Überleben antreibt).
Allmählich fügt sie Kreaturen hinzu, die an der Grenze der Lesbarkeit schweben. Sind sie menschlich? „Verdienen“ sie zu leben? Schon die Frage selbst ist die Gewalt, die auf das zentrale Thema dieser Ausstellung verweist: Entmenschlichung.
Lysovenko malt die Entmenschlichten als liebenswert. Weich, zart, verletzlich, sich dem ideologischen Blick widersetzend, der sie als entbehrlich erscheinen lassen würde. Entmenschlichung wird nicht als abstraktes Übel dargestellt, sondern als Mechanismus, der das Töten im Namen des „Rettens“ rechtfertigt. Einen Teil des Wandgemäldes nennt sie Feeding Death (Den Tod füttern). Es ist das Porträt einer faschistischen Familie. Faschismus, so suggeriert sie, ist keine fremde Erscheinung, sondern eine häusliche Angelegenheit. Am Esstisch wird der Tod genährt. Das Gemälde inszeniert den Faschismus als kannibalistisch und selbstmörderisch zugleich: ein Regime, das andere verschlingt und sich dabei selbst aushöhlt. Anschließend wird der Zyklon des Faschismus als so totale Kraft gemalt, dass der Körper seine Kontur nicht mehr halten kann. Die menschliche Gestalt, einst triumphierend in ihrem Auftauchen, ist über die Wand verstreut.
Am Ende des Rundgangs beginnt zart etwas Neues zu wachsen. Die Idee des Menschlichen kehrt in die Ruinen zurück – das Leben behauptet sich. Es beginnt von Neuem, zerbrechlich und hoffnungsvoll. Der Mensch erscheint, und erscheint erneut—immer wieder.
Im größeren Rahmen von CAPTCHA Realism verdeutlicht Lysovenkos Intervention die zentrale Frage des Programms: Was bedeutet es, als Mensch anerkannt zu werden? In einer Welt, in der Anerkennung durch Grenzen, Ideologien und zunehmend auch durch technologische Systeme gesteuert wird, die sortieren und verifizieren, antwortet Lysovenko zyklisch. Es gibt hier keine lineare Erzählung. Die Geschichte kehrt zu sich selbst zurück.
Kuratiert von Mirela Baciak.
In Auftrag gegeben und produziert vom Salzburger Kunstverein.
Die Ausstellung von Kateryna Lysovenko wird großzügig von der ERSTE Stiftung unterstützt.
Kateryna Lysovenko (*1989, Kiew, Ukraine) studierte Malerei am Odesa Grekova Kunstkolleg und arbeitet in den Medien monumentale Malerei, Malerei, Zeichnung und Text. Sie untersucht die Beziehung zwischen Ideologie und Malerei sowie die Produktion von Opferbildern in Politik und Kunst von der Antike bis zur Gegenwart. Lysovenko betrachtet Malerei als eine Sprache, die entweder instrumentalisiert oder als ein freies, selbstbestimmtes Ausdrucksmittel existieren kann. Vor der völkerrechtswidrigen Invasion lebte sie in Kiew, Ukraine, heute lebt und arbeitet sie in Wien.


















