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28.01.2025

Jahresprogramm 2025: Picturing Justice

Ausstellungsübersicht Picturing Justice

Das Programm 2025 des Salzburger Kunstvereins unter dem Titel Bilder der Gerechtigkeit (Picturing Justice) untersucht die Praxis der Gerechtigkeit als ein Feld inhärenter Dissonanzen. Mittels der visuellen Metapher der Waage mit ihren verschiedenen Schwenk- und Gleichgewichtspunkten zielt das Programm darauf ab, die Pluralität und Komplexität der Perspektiven gegenüber der Binarität von „richtig“ und „falsch“ zu betonen und gleichzeitig zeitgenössische Konflikte und Debatten über soziale, ökologische und infrastrukturelle Ungerechtigkeit zu berücksichtigen.

Das Programm ist vor dem Hintergrund des interpretativen Chaos konzipiert, das in der digitalen Öffentlichkeit vorherrscht – einem umkämpften Raum, der häufig über Bildschirme erlebt wird. Hinter solchen hermetischen Oberflächen erfolgt Urteilsbildung schnell, und Informationen werden fragmentiert, verzerrt und rasch instrumentalisiert. Die eingeladenen Künstler:innen und Kurator:innen setzen sich mit der Frage auseinander, wie unterschiedliche Gerechtigkeitswahrnehmungen mit breiteren philosophischen Debatten über Subjektivität, Wahrheit, Beweisführung und Verantwortung verknüpft sind. Der Prozess des „picturing“ impliziert dabei ebenso einen Akt der Vorstellungskraft wie einen Versuch, die Systeme der Repräsentation, deren Teil wir sind, zu verstehen und neu zu denken.

Picturing Justice untersucht, ob die Waage mit ihrer binären Konstruktion überhaupt das richtige Instrument ist, um zu messen, was gerecht oder ungerecht ist – insbesondere im Kontext der zeitgenössischen gesellschaftlichen Konflikte.

Die traditionelle Ikonographie der Justitia umfasst die Augenbinde, die Waage und das Schwert. Interessanterweise hatte Justitia einst weit geöffnete Augen, wie in Albrecht Dürers Kupferstich Sol Iustitiae (ca. 1499–1500, Die Sonne der Gerechtigkeit) zu sehen ist. Die in der Renaissance hinzugefügte Augenbinde könnte als satirische Bemerkung über die Korruption der Rechtssysteme gedacht gewesen sein, um zu verdeutlichen, wie die Justiz die Augen vor Ungerechtigkeit verschließt. Erst später, während der Aufklärung, wurde die Augenbinde als Symbol der Unparteilichkeit umgedeutet.

Der amtierende Oberste Richter Indiens, Sanjiv Khanna, erkannte Anfang 2024 an, dass die Darstellung der Justitia im westlichen Kanon verwurzelt ist und die Spuren des kolonialen Erbes trägt. Er führte eine bedeutende ikonografische Neuinterpretation ein, die einen Perspektivenwechsel widerspiegelt. In der aktualisierten indischen Darstellung hat Justitia die Augenbinde abgelegt, trägt einen Saree und hält in der einen Hand die Waage und in der anderen ein Exemplar der indischen Verfassung – ein Symbol, das sowohl kulturelle Identität als auch verfassungsrechtliche Autorität verkörpert.

In der sogenannten digitalen Öffentlichkeit, in der Kunst eine zentrale Rolle spielt, führt die Zivilgesellschaft das Schwert der Gerechtigkeit: Sie prangert Ungerechtigkeiten an, setzt sich für Anliegen ein, leistet Zeugnis, widersetzt sich gegebenenfalls dem Gesetz und versucht, es zu formen. Dabei stellt sich die Frage: Wer sind wir, um zu urteilen? Doch ebenso gilt: Wenn wir uns weigern zu urteilen, wer wird es dann tun?

Dies wirft eine weitere Frage auf: Können wir lernen, konstruktiver zu widersprechen? Man könnte argumentieren, dass die Förderung konstruktiver Meinungsverschiedenheiten ein Weg sein könnte, die immer größer werdenden Klüfte im zeitgenössischen zivilgesellschaftlichen Diskurs zu überbrücken. Vielleicht geht es bei der Gerechtigkeit in diesem Sinne weniger darum, ein Schwert zu schwingen, sondern vielmehr darum, Raum für vielfältige Stimmen zu schaffen – auch für jene, die die eigene Perspektive herausfordern. Picturing Justice wird ein solcher Versuch sein. Die Darstellung dessen, was „gerecht“ und was „ungerecht“ ist, erfolgt außerhalb eines festen rechtlichen Rahmens und stattdessen innerhalb der ausgehandelten Strukturen der Öffentlichkeit.

Ausstellungsprogramm

15. März – 4. Mai 2025

Dana Kavelina
| Studio
Neue Arbeiten von Dana Kavelina beleuchten die Realitäten der Zwangsrekrutierung in der Ukraine und präsentieren in einem Stop-Motion-Film miteinander verbundene Geschichten über die Ausbeutung von Menschen und Tieren.

New Mineral Collective | Großer Saal
Durch die Umwidmung von Form und Funktion geologischer Werkzeuge schlägt das New Mineral Collective „Counter-Prospecting Tools“ vor, um den Blick von der Gewinnung der Ressourcen auf deren Erhaltung und Heilung zu lenken.

Die Ausstellung wird in Verbindung mit einem Partnerprojekt in der Mercer Union in Toronto präsentiert (25.01.-22.03.2025).

17. Mai – 13. Juli 2025

Tania Gheerbrant
| Studio
Eine neue Arbeit aus der Reihe Fleurs de l’histoire befasst sich mit den antipsychiatrischen Patient:innenkollektiven der 1970er Jahre und versucht, die Unterdrückungssysteme in medizinischen und strafrechtlichen Einrichtungen zu beleuchten. Tania Gheerbrant untersucht die Parallelen zwischen der historischen Verfolgung von Hexen während der Inquisition und der modernen Behandlung von Psychiatriepatient:innen und folgt dabei den provokativen Ideen des Psychiaters Thomas Szasz.

Ausstellung konzipert in Zusammenarbeit mit Frac Bretagne, Rennes, Tania Gheerbrant ist die Gewinnerin des Frac Bretagne-Art Norac Award 2024.

Mikołaj Sobczak | Großer Saal
Im Zentrum der künstlerischen Praxis von Mikołaj Sobczak steht die Darstellung alternativer historischer Narrative; in seine Gemälde und Assemblagen fügt er Protagonist:innen aus queeren und gegenkulturellen Emanzipationsbewegungen ein. Für diese Ausstellung reflektiert Sobczak über die historischen und ästhetischen Verbindungen zwischen Faschismus und Kapitalismus und vertieft sich in das Aufkommen moderner Formen des Faschismus im Zusammenhang mit der zunehmenden Beliebtheit der Esoterik.

26. Juli – 14. September 2025

Laila Shawa
| Studio
Diese Präsentation ist die erste österreichische Ausstellung der bahnbrechenden palästinensischen Künstlerin Laila Shawa (1940-2022), die zwischen 1960 und 1963 die Schule des Sehens von Oskar Kokoschka in Salzburg besuchte. Kuratiert von Jakub Gawkowski beleuchtet die Ausstellung Shawas multikulturelle Bildsprache, die durch unregelmäßige Formen und intensive Farben geprägt ist. Sie hinterfragt traditionelle Narrative von „dem Westen und dem Rest“ durch den sogenannten „Islamo-Pop“ und kommentiert komplexe, politisch aufgeladene Themen mit einer lebhaften Farbpalette und Bildwiederholungen.

In Zusammenarbeit mit TRAFO Trafostacja Sztuki Szczecin, wo die Ausstellung im Herbst 2025 präsentiert wird.

Esben Weile Kjær | Großer Saal
Diese Ausstellung gestaltet sich als wandelbare Bühne, als ein skulpturales Szenario, in dem Freiheit sowohl als Performance inszeniert wird als auch als von Spontaneität und Ungewissheit geprägte Realität erfahrbar wird. Esben Weile Kjær schafft eine Plattform für fortwährende Verhandlungen und fordert die Besucher:innen auf, den Begriff der Nostalgie in Bezug auf die Vergangenheit und die Zukunft neu zu überdenken.

20. September – 16. November 2025

The Museum of (Non)Restitution
| Studio und Großer Saal
Thomas Geiger, Tatiana Lecomte, Sophie Thun
Anhand von Objekten aus der Sammlung des Salzburg Museums erforschen Thomas Geiger, Tatiana Lecomte und Sophie Thun, wie die Rückgabe von Kunstobjekten und Rechten die Identitäten und die beteiligten Gemeinschaften verändern kann. Sie stellen die traditionelle Auffassung von Restitution als einfache Wiederherstellung von Eigentumsrechten in Frage und regen die Besucher:innen dazu an, über die zugrunde liegenden Fragen von Eigentum und Verlust nachzudenken.

Ko-produziert von Salzburg Museum-Gastspiel und Salzburger Kunstverein-Picturing Justice. Kuratiert von Mirela Baciak, Katja Mittendorfer-Oppolzer und Susanne Rolinek.

13. Dezember 2025 – 1. Februar 2026

Jahresausstellung der Mitglieder des Salzburger Kunstvereins 
| Großer Saal
Die letzte Ausstellung des Jahres ist traditionell den Mitgliedern des Kunstvereins vorbehalten und wird in diesem Jahr von magazin53a kuratiert.

Das magazin53a ist Teil des Vereins zur Förderung der Bildenden Kunst in Salzburg und setzt sich mit dem künstlerisch-kulturellen Angeboten in der Stadt sowie dem Land Salzburg auseinander. Das umfasst Museen, Kunstvereine, Galerien und diverse Veranstaltungen. Die vielseitige Berichterstattung generiert Aufmerksamkeit für Ausstellungen und Projekte und begründet einen umfänglichen Diskurs über die Kunst- und Kulturlandschaft Salzburgs sowie darüber hinaus. Mit feuilletonistischem Anspruch produziert das Magazin eine breite Öffentlichkeit für die Szene aktueller Kunst und dient als Plattform zur Verschränkung von Institutionen und Diskursen. Insbesondere junge Autor:innen engagieren sich hier für eine neue Kunstkritik.
Kunst braucht Raum. Salzburg hat davon (eigentlich) reichlich. Die Hausnummer 53a eines ungenutzten Leerstands wird zum Programm und Symbol für eine in der hiesigen Kulturberichterstattung zu schließenden Lücke.

Isabell Rauchenbichler | Studio
Parallel zur Jahresausstellung 2025/26 zeigen wir im Studio Space eine Ausstellung von Isabell Rauchenbichler, der Gewinnerin des Förderpreises 2024 des Landes Salzburg und des Salzburger Kunstvereins.

Kooperationsprojekte:

17.01.2025
Research Reviews
Eine Veranstaltungsreihe des PhD in the Arts Studiengangs der Universität Mozarteum. Doktorand:innen und eingeladene Gäste präsentieren ihre Forschungsprojekte und stellen diese einer breiteren Öffentlichkeit zur Debatte. Am 17. Jänner setzte die Reihe mit den PhD Kandidatinnen Aline Braun und Lisa Großkopf sowie mit zwei Kurzvorträgen von Anja Arendt, Tanzwissenschaftlerin,  Folkwang Universität, und Alma-Elisa Kittner, Kunstpädagogin, Universität Gießen, fort.

09.05.2025
Utopia
Kunstausstellung für und von Jugendlichen
Organisiert von Schüler:innen der HTBLuVA SALZBURG, Bereich Grafik- und Kommunikationsdesign und Medien (Multimedia-Interaktionsdesign)

30.07., 13.08., 27.08.2025
Sunset Kino
In Zusammenarbeit mit der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg. Wir freuen uns, diese Kooperation mit der Sommerakademie fortzusetzen. Es erwarten Sie drei spannende Kinoabende, die von Lehrenden der Sommerakademie kuratiert werden.

28.11.-07.12.2025
9. Kinderausstellung der ARTgenossen in Kooperation mit dem Salzburger Kunstverein
Die Kinderausstellung der ARTgenossen findet heuer bereits zum achten Mal statt. Kinder aus Stadt und Land Salzburg werden wieder kreativ im Atelier der ARTgenossen arbeiten und die Ausstellung gestalten.
Ausstellung der Student:innen der Universität Mozarteum Salzburg in Kooperation mit dem Salzburger Kunstverein
Student:innen des Studiengangs Bildnerische Erziehung werden Ende des Jahres ihre Arbeiten präsentieren.

Salzburger Kunstverein AIR-Programm in Kooperation mit dem Bundesministerium für Kunst und Kultur
Das internationale AIR-Programm wird mit folgenden Künstler:innen fortgesetzt: Edona Ademi (DE), Wisrah C. V. da R. Celestino (BR), Charles-Arthur Feuvrier (F), Tania Gheerbrant (F), Rayane Mcirdi (F) und Paula Sikta (IN/E).

Salzburger Kunstverein Writer in Residence-Programm in Kooperation mit dem Bundesministerium für Kunst und Kultur
Unser „Writer in Residence“-Programm wird 2025 zum zweiten Mal in Zusammenarbeit mit einer internationalen Zeitschrift stattfinden.

Kunstreise für Mitglieder des Salzburger Kunstvereins
Im September werden wir in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Hannover eine Entdeckungsreise nach Warschau unternehmen, eine Stadt, die für ihre lebendige Kunstszene bekannt ist.

Cocoon Hotel
Unsere Zusammenarbeit mit dem Cocoon Hotel begann im Jahr 2024 und wird auch im Jahr 2025 fortgesetzt.

KBK Rechtsanwälte
Wir freuen uns besonders, KBK Rechtsanwälte als Sponsor für unser Jahresprogramm 2025 Picturing Justice gewonnen zu haben.

Mehr Details zu unserem Programm finden Sie im Laufe des Frühjahrs auf unserer Website: www.salzburger-kunstverein.at.

Programmiert und kuratiert von Mirela Baciak.