Isabell Rauchenbichler. And the Flowers Are Melting
Parallel zur Jahresausstellung 2025/26 zeigen wir im Studio eine Ausstellung von Isabell Rauchenbichler, der Gewinnerin des Förderpreises 2024 des Landes Salzburg und des Salzburger Kunstvereins.
Liegt das Wesen der Dinge tief unter der Oberfläche verborgen, oder spielt sich das Wesentliche gerade auf der Oberfläche ab? Oberflächen entstehen schließlich, wenn ein Medium auf eine Substanz trifft. Sie trennen eine innere, mikroskopische Welt des Geistes von der äußeren, makroskopischen Welt der Umgebung. Gleichzeitig fungieren sie jedoch auch als transformative Schwellen zwischen dem Sichtbarem und dem Unsichtbarem und zeigen eigenständige Qualitäten im Zusammentreffen von Körpern und Materialien.
Isabell Rauchenbichlers Ausstellung And the Flowers Are Melting bewegt sich in genau dieser Schwellenzone. Sie begreift Oberflächen als Orte der Reibung, Erinnerung und Transformation. Auch die Architektur des Salzburger Kunstvereins beteiligt sich subtil an dieser Logik. Zwei schmale Schlitze in der bestehenden Infrastruktur öffnen sich zu einem verborgenen Hohlraum. Von dort dringt ein leises Geräusch nach außen, kaum hörbar, aber dennoch eindringlich. Dieses akustische Leck verwandelt das Gebäude selbst in eine hörende und sprechende Oberfläche. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf das Verborgene, auf das, was unterhalb der Wahrnehmungsschwelle summt.
Rauchenbichlers Inspiration entspringt dem Bienenstock, einem Ort, an dem kollektive Arbeit, Fragilität und Architektur ineinandergreifen. Wachs, mit seiner Fähigkeit sowohl zu halten als auch nachzugeben, wird zu ihrem primären skulpturalen Material. Die von ihr geschaffenen Objekte sind dünnhäutig; auf ihren Oberflächen sammeln sich Bilder, teils opake, teils durchscheinende malerische Gesten.
Neben diesen Wachsstrukturen sind Arbeitsanzüge zu sehen, die an eine lange Tradition erinnern, in der Kleidungsstücke den arbeitenden Körper repräsentieren. Man denkt unweigerlich an Tatlins berühmten Anzug – ein Symbol der Arbeiterklasse, das die politischen und materiellen Dimensionen künstlerischer Produktion verdichtete. In Rauchenbichlers Fall fungieren die Overalls sowohl als Überreste als auch als Medium: Sie tragen das Echo der Arbeit in ihren Falten, während sie gleichzeitig selbst zu Leinwänden werden. Direkt auf ihre Oberflächen gemalt, dringen Bilder und Markierungen in das Textil ein und verwandeln diese Kleidungsstücke in Träger von Erzählungen. Die Anzüge fungieren somit als doppelte Haut, als Schutzschichten, die einst zwischen Körper und Arbeit vermittelten und nun als Orte reaktiviert werden, an denen Geschichten aufgenommen, überschrieben und sichtbar gemacht werden.
In ihrer Gesamtheit lenkt Rauchenbichlers Ausstellung die Aufmerksamkeit auf Oberflächen als Orte, an denen sich Erinnerungen entfalten. Die Werke fordern uns nicht unbedingt dazu auf, hinter diese Oberflächen zu blicken, sondern vielmehr zu beobachten, wie sie Spuren sammeln. Von hier aus öffnet sich die Ausstellung zu dem, was Gaston Bachelard als Poetik des Raumes bezeichnet hat, in der selbst die kleinste Ecke oder der kleinste Gegenstand „eine Einladung zum Tagträumen“ werden kann. Rauchenbichlers Oberflächen bieten genau solche Einladungen – subtil und offen.
Isabell Rauchenbichler (*1976, Salzburg), studierte Bildende Kunst an der Kunstuniversität Linz in der Abteilung für Malerei und Grafik bei Ursula Hübner. In ihren Arbeiten verbinden sich Malerei und Objekte zu fragilen, oft raumbezogenen Installationen, in denen die Betrachter:innen partizipieren können oder mitgedacht werden. Eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Materialeigenschaften sowie eine experimentelle und assoziative Herangehensweise in der Malerei wird verknüpft mit der Thematik Zeit, Erinnerung, Gedächtnis, Identität oder Transformation. Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen unter anderem im Traklhaus (Salzburg), den Stadtgalerien Salzburg, im Salzburger Kunstverein, der Galerie WHA (Linz), in der Galerie Sophia Vonier (Salzburg) und in der Fünfzigzwanzig (Salzburg). Auslandsaufenthalte in Paliano und Budapest, Ankäufe von Stadt und Land Salzburg, Jahresstipendium Bildende Kunst 2023 (Land Salzburg), Arbeitsstipendium Galerie Ropac in Kooperation mit dem Salzburger Kunstverein, KEP Arbeitsstipendium (Land Salzburg), Stipendium Künstler:innen Symposium Ortung. Seit 2016 ist sie Vorstandsmitglied in der Fünfzigzwanzig (IG Bildende Künstler:innen), dem Verein und Ausstellungsraum zur Förderung zeitgenössischer bildender Kunst und ihrer Diskurse. Sie lebt und arbeitet in Salzburg.
Bild: Isabell Rauchenbichler, Cluster, 2025, Luftpolsterfolie, Bienenwachs, LED-Lampe, ca. 30 x 21 x 21 cm, courtesy of the artist.




