Jahresprogramm 2026: CAPTCHA Realism
Es gab eine Zeit, in der das Menschsein selbstverständlich war. Heute jedoch scheint die Frage nicht mehr „Bist du ein Mensch?“ zu sein, sondern vielmehr: „Wirst du als menschlich wahrgenommen?“
Im postdigitalen Zeitalter ist Menschsein keine ontologische Gegebenheit, sondern eine bürokratische Errungenschaft: ein Status, der durch algorithmische Schwellenwerte gewährt, gemessen und bestätigt wird. Besonders deutlich wird dies in jenem seltsamen Moment, in dem Menschen ihre Menschlichkeit gegenüber einer Maschine beweisen müssen. Bekannt als CAPTCHA-Test (ein Akronym für „Completely Automated Public Turing Test to Tell Computers and Humans Apart“) wurde diese Authentifizierungsanforderung Anfang der 2000er-Jahre als Sicherheitsmaßnahme eingeführt. Seitdem haben sich die Anforderungen, die dieser Test an seine Nutzer:innen stellt, gewandelt: vom Entziffern verzerrter Buchstaben und dem Erkennen von Verkehrsampeln in einem Raster unscharfer Fotografien bis hin zur Klassifizierung von Objekten in KI-generierten Bildern. Hinter diesem scheinbar banalen Interface zeichnet CAPTCHA die sich wandelnden Bedingungen der Anerkennung im digitalen Zeitalter nach und inszeniert die Lücke zwischen dem, was das Leben hervorbringt, und dem, was das System als real anzuerkennen vermag.
Ausgehend von diesen Überlegungen untersucht das Programm 2026 des Salzburger Kunstvereins CAPTCHA Realism Politiken der Wahrnehmung und synthetische Konstitutionen von Identität. Aufbauend auf dem kuratorischen Rahmenkonzept Picturing Justice von 2025 konzentriert sich dieses neue Kapitel auf die Figur des Menschen, nicht als stabile Einheit, sondern als Projekt infrastruktureller und ästhetischer Lesbarkeit.
Wer darf als Mensch gelten? In der Geschichte der modernen Kunst haben wir die vielfältigen Ausprägungen des Realismus erlebt, von Courbets Anspruch, das gewöhnliche Leben sichtbar zu machen bis zur diagnostischen Schärfe der Neuen Sachlichkeit, von den Spuren der Nouveaux Réalistes bis hin zum Fetisch der Detailtreue im Fotorealismus und schließlich zu den prozeduralen und evidenzbasierten Wendungen der 1970er und 1990er Jahre. Anders als zuvor beruht die gegenwärtige Situation allerdings nicht auf Täuschung, sondern auf tatsächlicher Abhängigkeit. Indem wir die Authentifizierung von Wahrheit statistischen Modellen überlassen haben, sind Systeme entstanden, die auf der paradoxen Freiwilligkeit der Datenfreigabe Subjektivität in messbare Existenz überführen. Jeder CAPTCHA-Klick ist dabei ein Nachweis, wie er auch dem Training dient; jede gelöste Aufgabe verfeinert die Fähigkeit der Maschine zu sehen. Authentifizierung wird zu einer Form von Arbeit im Sinne dessen, was Jonathan Beller als die „Extraktion von Aufmerksamkeit als Wert“ beschreibt.[1]
Heutzutage fühlt sich unsere Alltagserfahrung chaotisch, widersprüchlich und schwer fassbar an. Sie entzieht sich jedem Versuch, vollständig dargestellt zu werden. Gleichzeitig versuchen Algorithmen, die Welt auf überprüfbare Datenpunkte zu reduzieren. Das Aufeinanderprallen der gelebten Realität und der Unzulänglichkeit ihrer algorithmischen Erfassung führt zu einem auf Absurdität beruhenden Realismus; einem Realismus, in dem sich das, was wirklich real ist, fortwährend gegen den Verdacht eines maschinellen Ursprungs behaupten muss.
Die für CAPTCHA-Tests verwendeten Bilder markieren eine Schwelle zwischen Realität und Halluzination. Sie werden synthetisch erzeugt oder aus Datenbanken entnommen, algorithmisch beschnitten oder dupliziert. Die Ergebnisse nähern sich der uns bekannten Realität an, Abweichungen bleiben jedoch bestehen: ein Pferd schwebt über einer Vorstadtkreuzung, eine Wasserfläche spiegelt eine Wolke wider. Das Unbehagen, das diese Bilder hervorrufen, erinnert an das von Freud beschriebene „Unheimliche“, jenen Moment, in dem das Vertraute fremd wird. Doch dieses Unheimliche ist nicht länger psychologischer Natur. Es ist infrastrukturell geworden, da es aus der Diskrepanz zwischen menschlichem und maschinellem Sehen entsteht. Das CAPTCHA-Modell erkennt Muster, die wir nicht benennen können; wir hingegen nehmen Absurditäten wahr, die es nicht erkennen kann. Das Bildraster erscheint als Ort der Aushandlung zwischen zwei Ebenen der Erkenntnis. Das Ergebnis ist nicht Realismus, sondern Unrealismus, ein Realismus, der so buchstäblich wird, dass er ins Sinnlose kippt.
Der Unrealismus ist der modus vivendi einer Gesellschaft, die von Vorhersagesystemen beherrscht wird. Wenn ihr wirtschaftlicher Wert von der Datenerfassung abhängt, muss das Reale endlos verifiziert werden. Sie nutzt Plattformen, die von ihr einen kontinuierlichen Existenznachweis verlangen: CAPTCHAs, Logins, Zwei-Faktor-Codes, biometrische Scans. In diesem System ist das Reale prozedural und das Absurde sein Nebenprodukt. Mit jeder Verifizierung sickert ein Rest Unsicherheit als Angst durch und legt die Mechanismen der Anerkennung offen. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine ist nicht ontologisch, sie ist administrativ.
Die historische Distanz zwischen Courbets Die Steinklopfer (1849) und den heutigen CAPTCHA-Bildrastern misst mehr als nur den technologischen Wandel. Sie zeichnet die Verlagerung der Wahrheit aus dem Bereich der Darstellung in den Bereich des Operativen nach. Von „CAPTCHA-Realismus“ zu sprechen bedeutet daher, sich mit einer umfassenderen Infrastruktur auseinanderzusetzen. Diese Verifizierungstests sind keine neutralen Rätsel, sondern Kontrollpunkte einer Sicherheitsökonomie. Sie erinnern im übertragenen Sinne an die modernen Passkontrollen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurden, bürokratische Rituale, die Staatsbürger:innen von Staatenlosen trennen. Jede fehlerhafte Erkennung spiegelt existierende Ungerechtigkeiten, diesmal innerhalb digitaler Systeme. Ob rassistisch, geschlechtsspezifisch oder geografisch, Verzerrungen der maschinellen Bildverarbeitung sind keine Fehler, sondern vielmehr die jüngste Ausprägung der langen Geschichte des Realismus der Ausgrenzung. Der Unterschied besteht darin, dass der Blick nun niemandem mehr gehört. Er ist automatisiert, diffus und undurchsichtig.
CAPTCHA Realismus zeigt uns, dass wir in einer Welt leben, in der Sehen durch Beweisen ersetzt wird. Die Frage, die dabei offenbleibt, ist die älteste in der realistischen Tradition: Wie können wir erkennen, was wahr ist, wenn wir die Bedingungen der Authentifizierung nicht länger kontrollieren? Unter diesen Umständen ist vielleicht das, was uns wirklich menschlich macht, unsere Fähigkeit, das Absurde wahrzunehmen und in seiner Verzerrung die schwachen Konturen des Menschlichen zu erkennen, die weiterhin darauf bestehen, erkannt und erfahren zu werden.
Das Ausstellungsprogramm 2026 des Salzburger Kunstvereins CAPTCHA Realism bringt Künstler:innen, Kurator:innen und verschiedene Öffentlichkeiten zusammen, um zu untersuchen, wie Kriterien der Anerkennung, sei es algorithmisch, politisch oder ästhetisch, die Lesbarkeit von menschlicher Identität in einer maschinell vermittelten Welt prägen.
AUSSTELLUNGSPROGRAMM 2026
7. März – 29. November 2026
Kateryna Lysovenko — Ringgalerie
7. März – 10. Mai 2026
Linda Lach — Großer Saal
Magdalena Berger — Studio
23. Mai – 12. Juli 2026
Agnes Scherer — Großer Saal
freakygreenfish — Studio
10. & 12. Juni 2026
Performance von Deva Schubert
Ko-Produktion mit der SZENE Salzburg.
25. Juli – 20. September 2026
Ryan Gander — Großer Saal
Hac Vinent — Studio
5. & 12. August 2026
The Distribution of Luck
Harun Morrison, Filipka Rutkowska, Urok Shirhan, Gernot Wieland
Kuratiert von Mirela Baciak & Denis Maksimov.
Ko-Produktion mit der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg.
3. Oktober – 22. November 2026
HER. Jahresausstellung 2025 — Großer Saal
Kuratiert von Attilia Fattori Franchini.
Peter Schreiner — Studio
12. Dezember 2026 – 16. Februar 2027
Aline Bouvy — Großer Saal, Studio & Ringgalerie
Text: Mirela Baciak
Lektorat: Sebastian Eckl, Freda Fiala, Susanne Knauseder, Michaela Lederer
[1] Jonathan Beller, The Message Is Murder: Substrates of Computational Capital, (London: Pluto Press, 2018).
Image von Karolina Pietrzyk für den Salzburger Kunstverein. © Salzburger Kunstverein.