The Distribution of Luck: Lecture Performances von Filipka Rutkowska und Urok Shirhan
Im August präsentiert der Salzburger Kunstverein gemeinsam mit der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg die Performance Reihe The Distribution of Luck. Kuratiert von Mirela Baciak und Denis Maksimov umfasst sie vier Lecture Performances von Harun Morrison, Filipka Rutkowska, Urok Shirhan und Gernot Wieland, die sich mit den Themen Liebe, Klasse, Geld und Identität auseinandersetzen.
Können Algorithmen wirklich an Glück glauben? Seit Jahrhunderten verleiten uns beobachtete Rhythmen, Reime und Harmonien dazu, in Wahrscheinlichkeitsverteilungen zu denken. Diese bilden eine grundlegende Basis der Informatik: Sie liefern den mathematischen Rahmen, um Unsicherheit, Zufälligkeit und Variabilität in Algorithmen, Systemen und der Datenanalyse zu modellieren. Die Verbreitung von KI (von Dating-Apps bis hin zu Fintech) hat die Problematik der Wissensproduktion erweitert. Während LinkedIn scheinbar ausschließlich aus künstlich generierten, generischen Texten darüber besteht, wie man besser werden kann, verlassen sich Studierende beim Verfassen ihrer Essays und Abschlussarbeiten zunehmend auf KI.
Die Debatte darüber, dass KI sogenannte „nutzlose Berufe“ verdrängen werde, erinnert in gewisser Weise an David Graebers Konzept der „Bullshit Jobs“, das allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang entstand. Beide Vorstellungen setzen jedoch einen grundlegenden Paradigmenwechsel voraus. Während die erste einer fragwürdigen hyperkapitalistischen Logik folgt, die Menschen auf ihre Funktion reduziert, versteht sich die zweite als antikapitalistische Kritik an struktureller Ausbeutung: Die Arbeit, die das gesellschaftliche Gefüge aufrechterhält, wird dabei überproportional auf die unteren sozialen Klassen abgewälzt. Die Klassenzugehörigkeit wiederum ist in hohem Maße das Ergebnis einer zufälligen Verteilung von Glück – sofern man nicht an eine vorbestimmte Fügung glaubt.
Ist es Zufall oder ist es Schicksal?
12.08.2026 20:30 Uhr
Lecture Performances von Filipka Rutkowska und Urok Shirhan
Filipka Rutkowska
Gender Is Over
Ausgehend von ihrem Buch Gender Is Over (Hela Press, 2026) entwickelt Filipka eine performative Lecture, die Queerness als eine Lücke begreift – als jenes Schlupfloch, durch das sich ein Körper zwischen Kategorien und den offiziellen Verzeichnissen, die festlegen, wer überhaupt als zählbar gilt, hindurchbewegt. In seinem Vorwort beginnt Cyrus Dunham mit einer Frage, die ihm einst in einer Küche in Los Angeles gestellt wurde: „Wie beweist man, dass man wirklich existiert?“ Er verweilt bei dieser Frage, weil Transsein bedeutet, unter einer ständigen Aufforderung zur Authentifizierung zu leben: Die eigene Wirklichkeit wird nicht als selbstverständlich anerkannt, sondern wie ein Fall behandelt, der niemals abgeschlossen ist. Genau diese Zumutung bringt Filipka auf die Bühne: die absurde Komik, immer wieder beweisen zu müssen, dass man tatsächlich real und menschlich ist. Zwischen Predigt, Stand-up-Comedy und persönlichem Bekenntnis bietet die Lecture keine Auflösung, sondern besteht darauf, dass gerade diese Lücke etwas ist, das gefeiert werden sollte.
Urok Shirhan
I Could Have Been French
I Could Have Been French ist eine Lecture Performance über Migration, Staatsangehörigkeit und die groteske Komik bürokratischer Verfahren. Ausgehend von der eigenen Familiengeschichte folgt die Arbeit jenen nicht verwirklichten Lebensentwürfen, die ebenso gut über Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten, Deutschland, den Irak oder die Niederlande hätten verlaufen können. Diese spekulativen nationalen Identitäten dienen als Ausgangspunkt für die Frage, wie Glück durch Grenzen, politische Entscheidungen, historische Zeitpunkte, Klassenzugehörigkeit, Krieg und die Folgen des Kolonialismus hervorgebracht wird. Der Pass erscheint dabei nicht als Beweis von Identität, sondern als Beleg eines historischen Zufalls: als ein Dokument, das Zufall in Zugehörigkeit verwandelt.
Kuratiert von Mirela Baciak & Denis Maksimov.
Ko-Produktion mit der Internationalen Sommerakademie für bildende Kunst Salzburg.
Denis Maksimov kuratiert und unterrichtet zeitgenössische Kunst, globale Geschichten und interdisziplinäre Geisteswissenschaften. Er ist Kurator für Kunst und Programme bei Pushkin House in London, Dozent am Joseph Backstein Institute of Contemporary Art in Moskau und Gründer des Lecture Performance Archive sowie des Avenir Institute. Er lebt und arbeitet in London und Athen.
Bildmontage: Allegorie der Fortuna: Geflügelte Frau mit Palmzweig und Spinnrad, Globus und Schiff im Hintergrund. Heliogravüre nach S. Beham, 1541. Wellcome Collection. Hans Sebald Beham (1500–1550), Misfortune, o. J. Kupferstich auf Büttenpapier, 78 × 51 cm. Brooklyn Museum, Schenkung von Mrs. Charles Pratt, 57.188.16. (Foto: Brooklyn Museum)

